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Experteninterview Prof. Dr. Jörg Spitz

3 Fragen an Prof. Dr. Jörg Spitz

In der Vergangenheit nahm Vitamin D stets die Rolle des „Knochenvitamins“ ein, doch wissenschaftliche Studien bestätigen heute die enorme Bedeutung für den Körper. Wie lässt sich Ihrer Meinung nach dieser Wandel in der Wissenschaft erklären?
Bezüglich Vitamin D hat die Forschung der vergangenen Jahre gleich zu einem mehrfachen Paradigmenwechsel geführt. Zum einen ist Vitamin D gar kein Vitamin, das wir es müssen, sondern die Vorstufe eines Hormons, die wir in der Haut mithilfe des Sonnenlichtes selbst herstellen können.

Dieses „Sonnenhormon“ wird von fast allen Zellen des Körpers benötigt, unter anderem, um bestimmte Gene ein- oder auszuschalten. Fehlt Vitamin D, können die Zellen nicht richtig arbeiten und es kommt zu Funktionsstörungen des jeweiligen Organs. Daher führt ein Vitamin D-Mangel zur Verschlechterung nahezu aller chronischen Krankheiten, angefangen von der Osteoporose über den Diabetes, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bis hin zu zahlreichen neurologischen Krankheiten.

Dennoch ist Vitamin D-Mangel praktisch eine Zivilisationskrankheit. Worin liegen für Sie die Gründe für diese Unterversorgung?
Der Vitamin D Mangel ist vorwiegend Ausdruck unseres veränderten Lebensstils. Dieser hat nicht nur zum Verlust der körperlichen Aktivität und gesunder Ernährung geführt, sondern auch zu einer Vermeidung der Sonne. Daran sind zum einen die berufliche Tätigkeit, zum anderen aber auch die Freizeitaktivität beteiligt, die heute im Gegensatz zu früher beide überwiegend in geschlossenen Räumen stattfinden. Zusätzlich besteht eine zunehmende Sorge in der Bevölkerung, dass die Sonnenstrahlen die Haut schädigen, also wird die Sonne gemieden. Die Hinweise auf einen Ausgleich durch den vermehrten Verzehr von Vitamin D- haltigen Nahrungsmitteln geht fehl, da in der üblichen Nahrung so gut wie kein Vitamin D vorhanden ist. Es sei denn, jemand ist ein Liebhaber von Lebertran.

Gerade jetzt in den Sommermonaten verreisen viele Menschen in sonnenreichere Regionen, um dort zu entspannen. In der Öffentlichkeit wird jedoch immer wieder vor zu viel Besonnung gewarnt und ein besonders hoher Sonnenschutz durch Sonnencremes empfohlen. Ist dieser Ratschlag förderlich für die ausreichende Versorgung mit Vitamin D?
Ganz und gar nicht! Der veränderte Lebensstil macht auch die eigentlich positive Urlaubszeit zu einem Problem. Da wir nicht einmal mehr an die relativ schwache Sonne in Deutschland gewöhnt sind, ist die intensive Sonne in den vielfach bevorzugten südlichen Urlaubsgefilden natürlich prädestiniert, einen Sonnenbrand auszulösen. Dies sollte jedoch in jedem Fall vermieden werden. Möchte ich mich also längere Zeit im Freien aufhalten (zum Beispiel zum Segeln oder Wandern) hilft in der Tat nur gezielter Sonnenschutz, wobei ich persönlich geeignete Kleidung (einschließlich Kopfbedeckung!) gegenüber der Verwendung von Sonnencreme bevorzuge.

Ich muss mir jedoch darüber klar sein, dass ich damit auch meine Vitamin D-Produktion blockiere. Hierzu reicht allerdings (je nach Hauttyp) in der Regel bereits eine Sonnenexposition von 15-20 min auf die ungeschützte Haut. Dabei sollte man möglichst nicht den Kopf (der ohnehin immer Sonne abbekommt) exponieren sondern so viel andere Haut wie möglich (also zumindest mal nackige Arme und Beine oder besser, so viel Haut, wie es der Anstand in der jeweiligen Situation zulässt). Will oder muss ich länger in der Sonne bleiben, dann sind die schon erwähnten Schutzmaßnahmen angezeigt.

Wer sich nicht sicher ist, ob sein persönlicher Lebensstil für die Vitamin D-Produktion ausreicht, kann den Vitamin D-Spiegel im Blut bestimmen lassen. Hier wird inzwischen international von den Experten ein Wert von etwa 30 ng/ml empfohlen. Ist der gemessene Wert zu niedrig, kann man Ausgleichsmaßnahmen vornehmen und dann mit einer weiteren Blutuntersuchung kontrollieren, ob die individuelle Maßnahme erfolgreich war.